Training des peripheren Sehens mit Schulte-Tabellen

Die Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Ressourcen unseres Geistes. Geschwindigkeit und Genauigkeit des Denkens hängen davon ab, wie geschickt man die Aufmerksamkeit lenken und halten kann.

Wer seine Aufmerksamkeit effizienter und effektiver machen will, muss sie mit geeigneten Methoden trainieren – wie einen Muskel. Dabei geht es insbesondere um die folgenden Aspekte:

  • fokussieren: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst auf ein oder mehrere Objekt zu richten
  • aufhellen: Objekte besser erkennen zu können, auch „aus dem Augenwinkel“ heraus
  • verbreitern: den Fokus der Aufmerksamkeit wie bei einem Weitwinkel und Teleobjektiv verstellen zu können
  • vertiefen: die Fähigkeit, sich den Objekten mit großer Klarheit und Energie zu widmen
  • flexibler machen: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit effizient von einem Objekt zu einem anderen zu bewegen
  • stabilisieren: für einen langen Zeitraum die Aufmerksamkeit auf dem gewünschten Objekt zu halten

Die Punkte oben gelten für alle Modi der Aufmerksamkeit: visuell, kinästhetisch, auditiv, mental („mind’s eye“). Geschmack und Geruch haben eine geringere „Auflösung“, aber auch hier trägt eine verbesserte Aufmerksamkeit zur Lebensqualität bei. Sehr wichtig ist auch die somatische Dimension: der von innen gefühlte Körper, als Matrix und Spiegel von Gedanken, Gefühlen und Emotionen.

Das Training in einem Modus färbt auf die anderen Modi ab: Je besser wir beispielsweise in der Lage sind, die visuellen Aufmerksamkeit in unserem Blickfeld einzusetzen, desto geschmeidiger wird auch der effiziente Umgang mit somatischen Sinneseindrücken werden. Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, aber wie bei Muskeln können wir durch Training ein größeres Volumen, größere Ausdauer und ehr Geschicklichkeit aufbauen.

Die sogenannte Schulte-Tabelle ist ein interessantes Tool, um die visuelle Aufmerksamkeit zu verbessern. Auf Wikipedia heißt es:

The Schulte Table was developed originally as a psycho-diagnostic test to study the properties of attention, by German psychiatrist and psychotherapist Walter Schulte (1910 – 1972). From 1962 to 1972 Professor Schulte worked in Tübingen, where he worked in psychopathology and psychotherapy research. Initially, the sample was developed in engineering psychology, it has been used to assess the efficiency and speed of search movements of the vision.

In der ursprünglichen Form der Schulte-Tabelle werden 5×5 = 25 Zahlen zufällig angeordnet. Dann hält man die Augen auf der mittlere Zelle fixiert und richtet die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Zahlen, wobei man mit der „1“ beginnt und bis „25“ hochzählt. Die Zahl im Mittelpunkt der Tabelle und ein paar wenige Zahlen drumherum fallen auf den gelben Fleck im Auge (Fovea), dem Teil des Blickfelds mit der höchsten Auflösung. Der größere Teil der Zahlen liegt aber in der Peripherie, in der es mit zunehmender Entferung zum Mittelpunkt immer schwieriger wird, Details auszumachen.

Mit etwas Training gewöhnen sich die Augen daran, auch in der Peripherie effektiv zu arbeiten. Das vertikale und horizontale Sehvermögens erweitert und beschleunigt sich. Schulte-Tabellen gelten als eine effiziente Methode zur Verbesserung des peripheren Sehens, der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses. Außerdem wird die geistige Belastbarkeit gegen äußere Ablenkung bei der Arbeit gestärkt. In Summe werden also alle eingangs genannten Fähigkeiten verbessert, der Aufmerksamkeitsmuskel wird größer, kräftiger, schneller und flexibler.

Ich habe ein paar Apps und Webseiten für Schulte-Tabellen ausprobiert, hier meine Empfehlungen:

  • Die App „Schulte Table“ von Aleksandr Shevchenko: einfache App ohne Schnickschnack, 0,49 € pro Jahr, gute Konfigurationsmöglichkeiten (auch Buchstaben, unterschiedliche Farben, Schriftgrößen)
  • Die Webseite „Schulte“ von drafterleo: browserbasiertes Javascript, übersichtlich, umsonst.1)auch als komplettes Repository

Ich finde die App zwar sehr gelungen, aber ich verwende lieber die Maus. Dadurch wird der Fixierungspunkt in der Mite beim Anklicken der 25 Zahlen nicht von der Hand abgedeckt. Für mich ist es so einfacher, den Fokus zu halten. Für die ersten Trainingseinheiten habe ich mich daher für das Tool von drafterleo entschieden.

Standardmäßig werden von drafterleo folgende Einstellungen vorgegeben:

  • 5×5, 1 Gruppe (d.h. Zahlen von 1 – 25)
  • „Show Hover“: das erleichtert das „Zielen“ mit der Maus.
  • „Show Click Result“: die geklickten Zellen werden kurz grün markiert (die „9“ in der Tabelle oben)
  • „Show Trace“: Die angeklickten Zellen behalten eine hellgrüne Farbe, die Zellenfarbe der noch fehlenden Zahlen bleibt weiß. Die Aufgabe wird zum Ende hin immer einfacher, weil sich die noch zu klickenden Zahlen abheben. Das ist psychologisch geschickt, weil man immer schneller wird und dadurch den Durchlauf mit einem Erfolgserlebnis abschließt.

Das Browserfenster habe ich auf 650×650 pixel verkleinert, damit ich die Zahlen am Rand der Tabelle gerade so (aber immer noch genau) erkennen kann.

Bei meinen ersten Versuchen habe ich unterschiedliche „Suchstrategien“ ausprobiert:2)Ich fand die Namen kreativer als „1.“, „2.“ … 🙂

  • „FIX“: Die mittlere Zelle wird fokussiert, keine Augenbewegungen, jede Zahl muss also (mit Ausnahme der mittleren natürlich) quasi aus dem Augenwinkel erkannt werden. Das ist die Empfehlung, die in Apps gegeben wird. Auch in der Literatur wird regelmäßig diese Strategie angewendet, da dadurch das periphere Sehen am besten geschult wird.
  • „4BLOCKS“: Augen springen zwischen die vier 3×3 Mittelpunkten an, von links nach rechts und oben nach unten. Die mittlere Spalte und die mittlere Zeile der 5×5 Matrix wird also jeweils 2x aufgenommen.
  • „VLOCK“: Augen auf der vertikalen Mittellinie halten, keine horizontalen Augenbewegungen
  • „HLOCK„: Augen auf der horizontalen Mittellinie halten, keine vertikalen Augenbewegungen
  • „SWEEP“: alle Zahlen von links nach rechts und oben nach unten durchgehen
  • „RANDOM“: zufällig über die Zahlen schweifen

Erste Beobachtungen, noch ohne statistische Überprüfung der Testergebnisse:

  • SWEEP ist simpel und funktioniert auch ohne Training, das Auge ermüdet aber schnell. Außerdem passiert es immer wieder, dass ein SWEEP nicht langt, weil ich die gesuchte Zahl einfach überlesen habe.
  • VLOCK geht etwas schneller als HLOCK. Das Gesichtsfeld ist horizontal wie vertikal knapp 180°, also entweder war ich einfach zufällig schneller, oder mein Gehirn hat eine bestimmte Präferenz, oder vielleicht ist auch die Auflösung der Retina in horizontaler Richtung besser. Für die letztere Begründung spricht, dass ich die weiter entfernten Zahlen in horizontaler Richtung besser erkennen kann als in vertikaler Richtung.
  • RANDOM ist eine erstaunlich effiziente Methode, sollte aber im Zeitablauf gegen die anderen Verfahren verlieren. Wirklich zufällig ist mein Muster ohnehin nicht, sondern es nähert sich immer wieder 4BLOCKS an.
  • 4BLOCKS geht gleich von Anfang an sehr schnell, weil eine 3×3 Matrix auch ohne große Training schon gut mit einem Blick erfasst werden kann.
  • Alle Verfahren partizipieren sehr von der Einstellung „Show Trace“. VLOCK, HLOCK und FIX verlieren dadurch zum Schluss gegen SWEEP.
  • Die Konfiguration der Zahlen ändert sich während der Übung nicht. Dadurch haben sich auf die eine oder andere Art und Weise der Ort der letzten, höheren Zahlen bereits durch die Suche nach den ersten, niedrigeren Zahlen eingeprägt. In der Standardeinstellung handelt es sich also nicht ausschließlich um eine visuelle Übung, sondern auch um ein Gedächtnistraining.3)Mit „Shuffle Numbers“ bei drafterleo bzw. „Disorder“ bei der App wird die Konfiguration bei jeder neuen Zahl komplett neu erstellt. Dadurch spielt das Gedächtnis keine Rolle mehr, es ist dann ein reines Sehtraining
  • Aus dem Augenwinkel kann man insbesondere die einstelligen Zahlen einfach erkennen. Jede für sich gesehen sind die 20er auf die Entfernung (d.h. bei xLOCK und FIX) schwieriger zu erkennen als die 10er. Weil man aber nur 5 von den 20ern hat und diese auch noch zum Schluss weiß auf grün hervorstechen, sind die 10er deutlich schwieriger. Bei fixierten Augen suche ich manchmal mehrere Sekunden, bis ich die richtige 10er Zahl gefunden habe.
  • Liegt bei VLOCK oder HLOCK die gewünschte Zahl auf der Fixierungslinie, dann überlese ich sie manchmal. Das deutet darauf hin, dass ich die 5 Zahlen nicht immer komplett erfasse, sondern der Fokus der Aufmerksamkeit von Zahl zu Zahl geht.
  • FIX überfordert mich. Ich erkenne das Zahlenfeld noch nicht komplett, sondern ich steuere mit dem mentalen Fokus der Aufmerksamkeit die Zahlen an – in etwa so wie 4BLOCKS, nur ohne die Augen zu bewegen.4)In der englischen Literatur nennt man das „covert attention“, im Gegensatz zu der normalen „overt attention“, bei denen der gelbe Fleck im Auge auf den Fokus der Aufmerksamkeit ausgerichtet wird. Die Entfernung zu weit vom Mittelpunkt entfernten Eck- und Mittelfeldern ist auch bei 650×650 Pixeln so groß, dass ich die Zahlen häufig nur schwer erkennen kann.

Die unterschiedlichen Strategien erinnern nicht zufällig an Leitfäden für das sogenannte „Speed Reeding“. Dabei soll die Lesegeschwindigkeit von ca. 150-300 Wörtern pro Minute auf 1000 Wörter pro Minute gesteigert werden können. Der Trick dabei ist, nicht mehr alle Worte einzeln lesen zu müssen (SWEEP), sondern die Augen auf einige wenige Punkte in jeder Zeile springen zu lassen (VLOCK). Durch peripheres Sehen werden dann die umliegenden Worte in einem Zug erfasst. Besonders begabte und trainierte Schnellleser beherrschen möglicherweise sogar sowas wie 4BLOCKS: mehrere Wörter in unterschiedlichen Zeilen werden auf einmal erfasst, die Blöcke dann in Zeilen mental serialisiert. Mir erscheint sowas dann aber eher „überfliegen“ als „lesen“ zu sein.5)Meine Erfahrung mit einem VLOCK-artigen Speed Reading ist sehr positiv. Für eine normale Buchseite Belletristik benötige ich 2-3 Haltepunkte und erreiche dadurch regelmäßig Geschwindigkeiten von 800+ Wörtern pro Minute, natürlich abhängig von Sprache und Schwierigkeit des Textes. Auf dem Kindle läuft das sogar noch besser: Hier kann ich die Größe der Buchstaben so wählen, dass ich nur noch eine Fixierung von Zeile benötige. Dadurch müssen sich die Augen nur noch vertikal bewegen, was nochmal Zeit spart.

Als Kind haben wir einzelne Buchstaben zu Wörtern zusammenfügen müssen. Irgendwann sehen wir dann keine Buchstaben mehr, sondern nur noch Wörter. Je besser man trainiert ist, desto häufiger gruppieren sich dann Wörter zu ganzen Satzteilen, ganz automatisch magisch, in weniger als einem Augenblick.6)Wenn ich konzentriert und interessiert bin, dann springen mich auch Schreibfehler auf einer Seite aus dem Augenwinkel an.

Eine solche wirklich periphere Wahrnehmung habe ich persönlich bei den Schulte-Tabellen noch lange nicht. Ich kann zwar die Augen mehr oder weniger gut auf einem Punkt halten, muss mich dann aber mühsam aus dem Augenwinkel Zahl für Zahl durch die weiter entfernten Teile der Tabelle hangeln.7)„covert attention“, im Gegensatz zu „peripheral vision“ Es fehlt mir also auf jeden Fall an vertikaler Ausdehnung der Aufmerksamkeit, aber auch in horizontaler Richtung spüre ich, dass da noch mehr drin ist. Es fehlt das unmittelbare Erkennen der Zahlen. Sie springen mich nicht an.

Aber das wäre nach nur ein paar Übungseinheiten auch zu viel verlangt. Ich werde die nächsten Wochen mit den Schulte-Tabellen trainieren – mal sehen, wie sich das Sehen verändert.

Literaturverweise   [ + ]

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